"Doppelkopf" vom Donnersberg

Nachdem das keltische Oppidum auf dem Donnersberg (Donnersbergkreis, Pfalz) nahezu 20 Jahre im "archäologischen Dornröschenschlaf" gelegen hat, richtet sich das Augenmerk der Archäologischen Denkmalpflege in Speyer seit jüngstem wieder verstärkt auf diese Anlage, welche mit einer Gesamtmauerlänge von 8,5 km und einer Innenfläche von 240 ha zu den größten spätkeltischen "Stadtgründungen" nördlich der Alpen zählt.

Nachdem die Verfasserin ein Konzept für mehrjährige Forschungsgrabungen und zerstörungsfreie geophysikalische Untersuchungen erarbeitet hat, konnte in diesem Sommer bereits die erste archäologische Untersuchung im Bereich des sog. "Schlackenwalles" durchgeführt werden.

In Vorbereitung der archäologischen Feldarbeiten im sog. "Ostwerk", wo aufgrund von Altfunden das Siedlungszentrum des Oppidums vermutet wird, begehen seit einigen Monaten Heiko Scheuermann und Harald Lang, beides ehrenamtliche Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege, in Absprache mit der Verfasserin als zuständiger Gebietsreferentin gezielt ausgewählte Areale innerhalb des Stadtmauerringes; dieser ist anhand der teilweise noch bis zu 2 m hoch erhaltenen Wälle fast auf seiner gesamten Länge im Gelände gut zu verfolgen. Begehungen im gänzlich mit Laubmischwald bestandenen Oppidumareal sind generell problematisch, lassen sich doch aufgrund der bodendeckenden Vegetation mit dem bloßen Auge Lesefunde kaum aufspüren. Deshalb wurde den beiden Ehrenamtlichen ausnahmsweise die Verwendung eines Metalldetektors für ihre Suche nach aussagekräftigen Funden gestattet. Die beiden nun mit Suchgeräten ausgerüsteten Mitarbeiter hatten bereits nach wenigen Begehungen hochinteressante und außergewöhnliche Metallfunde zu vermelden. Das herausragende Stück ihres bisherigen Fundaufkommens ist eine kleine, knapp vier cm lange, konisch zulaufende Bronzehülse.

Heiko Scheuermann stieß bereits bei seiner ersten Begehung im Ostwerk auf dieses singuläre Stück. Am spitzen Ende der Tülle ist auf der einen Seite ein Männerkopf mit maskenartigem Gesicht angebracht, dessen geradezu grimmig verzogener Mund entfernt an den Gesichtsausdruck der Maske einer keltischen Gottheit auf einem Bronzebeschlag aus Manching gemahnt. Große ovale Augen wölben sich aus ihren Höhlen, die kantige Nase geht in geschwungene, deutlich ausgeprägte Augenbrauen über, wie sie für die keltische Kunst charakteristisch sind. Zwar zeugen kleine Gussfehler und die insgesamt eher grobe Ausführung der Arbeit nicht von einem herausragenden Talent des Toreuten, doch verleihen die stark hervorquellenden Augen und der verzogene Mund der Maske eine eindrückliche Lebendigkeit. Auf dem Hinterkopf der Gestalt sitzt ein plastisch ausgeformter Widderkopf, der in die entgegengesetzte Richtung blickt und schön geschwungene Hörner besitzt, von denen eines bereits alt abgebrochen war und nicht mehr aufgefunden werden konnte. Auf der linken Seite des Widderkopfes erkennt man ein großes, ebenfalls ovales Auge, welches auf der anderen Seite nicht ausgearbeitet ist. Das Fehlen des rechten Widderauges ist sicherlich auch auf einen Gussfehler zurückzuführen. Am weiten unteren Ende der konischen Tülle lässt sich auf der linken Seite knapp über dem Rand ein rundes Loch erkennen, in dem ursprünglich wohl ein Befestigungsniet saß. Auf der anderen Seite der Tülle ist dieser Bereich ausgebrochen; man darf aber hier sicher ein zweites Loch für einen Niet annehmen. Die ursprüngliche Verwendung der Doppelkopf-Tülle als Aufsatz auf einem Möbel oder Wagen ist nicht gänzlich von der Hand zu weisen, doch deutet zum einen die Tatsache, dass es sich um einen Hohlkörper handelt, zum anderen die konische Form eher auf eine ehemalige Funktion als Trinkhornendbeschlag hin.

Die Sitte der Verwendung von Trinkhörnern wird schon von Caesar als spezifisch germanische Eigenheit erwähnt. Trinkhorn-Endbeschläge aus germanischen Fundorten des europäischen Nordens weisen häufig ebenfalls figürlich verzierte Enden auf; dabei handelt es sich in der Regel um Darstellungen von Stier-, Widder- oder Entenköpfen, die jedoch immer nur einzeln auftreten. Der Stil des Maskenkopfes auf unserer Tülle ist zweifelsfrei dem keltischen Kunstschaffen zuzuweisen, so dass es sich nicht etwa um einen Import aus germanischem Kontext handeln kann. Wir wissen auch aufgrund verschiedener Funde, dass in der Spätlatènezeit die Sitte der Verwendung von Trinkhörnern die keltischen Oppida erreichte. So sind beispielsweise aus dem Oppidum von Manching mehrere, allerdings sehr einfach gehaltene Trinkhorn-Endbeschläge bekannt. Dem figürlichen Endbeschlag vom Donnersberg ist bislang kein auch nur annähernd vergleichbares Stück an die Seite zu stellen. Eine exakte Datierung des bislang vergleichslosen Stückes vom Donnersberg fällt schwer; wird die oben angesprochene Göttermaske von Manching aufgrund der naturalistischen Tiefenschärfe des Gesichtes eher dem entwickelten Mittel-Latènestil zugeordnet, so weist die mehr flächige Ausprägung des Donnersberg-Kopfes in Richtung Spätlatène. Wie schwierig aber die genaue Zuordnung toreutischer Einzelstücke ist, wird wiederum an der Tatsache deutlich, dass sich die ovalen, plastisch hervorgewölbten Augen unseres Maskenkopfes so gar nicht in den Kanon der typisch mandelförmigen bis spitzovalen und flachen Augen spätlatènezeitlicher Figuren einfügen wollen. Der singuläre Doppelkopf ist neben dem Altfund eines ebenfalls mit einer menschlichen Maske figürlich verzierten Achsnagels vom Donnersberg nun das zweite herausragende Beispiel toreutischer Fantasie aus dem großen spätkeltischen Oppidum und lässt auf weitere Überraschungen hoffen.

Andrea Zeeb-Lanz
Landesamt für Denkmalpflege
Speyer